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Rostock im Spiel der Zahlengaukler? “Bevölkerungsprognose 2035” auf dem Prüfstand

Verfasst: 13.12.2017, 18:16
von Maik Thomaß

Rostock im Spiel der Zahlengaukler? “Bevölkerungsprognose 2035” auf dem Prüfstand

Rostock - Historisches Ausmaß und Folgen der in die EU seit 2015 eingesetzten Flüchtlingsbewegung haben Rostocks Stadtgesellschaft an den Rand der Überforderung gebracht. So war auch das Folgejahr 2016 für die Hansestadt von den kollektiven Anstrengungen zur Bewältigung dieser einmaligen humanitären Katastrophe geprägt und mit einem sprunghaften Bevölkerungszuwachs verbunden. Insofern hat Zeitpunkt und Aussage der am 24.02.2016 präsentierten „Bevölkerungsprognose der HRO bis 2035“ die gesamte Öffentlichkeit überrascht.
Diese erstmals von der Stadtverwaltung in Eigenregie verfasste 20-Jahre-Vorhersage kommt zu einem völlig anderen Ergebnis als die bisher gültige „Prognose bis 2025“ eines externen Dienstleisters aus 2012. Entsprechend skeptisch bat der Agenda-21 Rat den OB schriftlich um Stellungnahme zur unerwartet optimistischen Wachstumsprognose der Verwaltung (siehe Anlage). Diese steht jedoch bis heute aus. So bilden seit 2016 fragwürdige Prognosezahlen und Annahmen für Rostocks zukünftige Stadtentwicklung ein äußerst wackliges Fundament, das sich mittlerweile medial zum öffentlichen Zerrbild (“Rostock wächst“) verfestigt hat. Hierfür bieten jedoch Realentwicklung und Rahmenbedingungen der Hansestadt keine offenkundigen Indizien:

1. Mehr Rostocker sterben, als neugeborene hinzukommen.
2. Größere Behörden-, Industrie- oder Wirtschaftsansiedlungen, die mehrere 100 oder gar 1000 Jobs samt damit einhergehenden Familienzuzug bedeuten, sind nicht in Sicht.
3. Die Studentenzahlen sind seit den Rekordjahren 2010 - 2012 rückläufig.
4. Auch ist kein signifikanter Zuzug durch Binnenwanderung innerhalb M-V zu erwarten (32,5% Bevölkerungsrückgang lt. statistischem Landesamt M-V bis 2060 von 1,6 Mill. auf 1,08 Mill.).
Dennoch sagt die Verwaltungsvorhersage einen steilen Anstieg um ca. 30.000 Einwohner bis 2035 voraus. Ohne stichhaltige Fakten und nachvollziehbare Argumente wird somit für Rostock ein massiver Neubaubedarf von 20.000 Wohneinheiten (WE) beim üblichen Planungsschlüssel (1,5 P/WE) suggeriert. Für diesen Umfang gibt allein die reale Bevölkerungsentwicklung der letzten 12 Jahre in der Legislatur OB Methling jedoch keine Veranlassung (bei Ausschluss der Flüchtlingskrise). Beispielsweise sinkt der Anteil von Einwohnern deutscher gegenüber denen ausländischer Nationalität an der Gesamtbevölkerung nicht erst seit 2015 tendenziell, obwohl das durchschnittliche von Mitbürgerinnen/-bürgern mit ausländischer Nationalität bei + 2,46 % pro Jahr von 2005 bis 2014 relativ gering war. Mit + 0,29% fiel in diesem Zeitraum der durchschnittliche Jahreszuwachs für Einwohner mit deutscher Nationalität sogar vergleichsweise marginal aus. Hier ist der Wachstumstrend mittlerweile in den letzten fünf Jahren in einem vernachlässigbaren Bereich (+ 0,07% pro Jahr) angelangt. Dennoch rücken nach Biestow nun weitere große Neubaugebiete (z.B. Pulverturm, Groten Pohl, Rostocker Oval) in den stadtplanerischen Fokus der Verwaltung.

Daher hat das Netzwerk RoBin – Rostocker Bürgerinitiativen – einen renommierten Experten für Wirtschaftsmathematik und Analysemethodik gebeten, die „Prognose 2035“ fachlich zu hinterleuchten. Beurteilungen und Schlussfolgerungen von dem aus Rostock stammenden Prof. Dr. Dr. h.c. Dirk Linowski sowie aussagekräftige Real- und Entwicklungsstatistiken in Co.-Autorenschaft der RoBin-Arbeitsgruppe „Prognoseanalyse“ finden Sie als kompakte Zusammenfassung im Anhang. Demnach basiert die stadteigene Bevölkerungsprognose auf nicht nachvollziehbare Annahmen sowie willkürliche Interpretationen. Somit wird ein unrealistisches Szenario vorgegaukelt, das sich dank zweifelhafter Bedarfsquote beim Wohnungsneubau zur massiven Fehleinschätzung potenziert. Das ist keine Grundlage, um die richtigen Schlüsse für eine maßvolle und nachhaltige Entwicklung Rostocks zu ziehen!

Ein Festhalten an dem fragwürdigen Zahlenwerk würde vielmehr haushaltspolitische Ziele des Oberbürgermeisters über eine verantwortungsvolle Stadtentwicklung stellen. Dessen Legislatur ist jedoch u.a. von verfehlter Wohnungspolitik gekennzeichnet. Am tatsächlichen Bedarf vorbei wurde vorrangig rentablen Eigentums-/Vermietobjekten der Weg bereitet. Investorenfreundliche Mahnmale gesichtsloser Neu- und Zweckbauten prägen so seit 2005 zunehmend Rostocks Antlitz. Diese Stadtentwicklung im Stile von Immobilienmaklern hat längst den Kampf um die verbliebenen Freiräume und Grünflächen zwischen Verwaltung und Einwohnern entfacht. Das erklärt auch die rapide Zunahme von offenen Protesten der Bürger in den letzten Jahren gegen die fortschreitende Kannibalisierung ihrer Stadt und des Stadtbildes. Im Sinne einer bedarfsgerechten Wohnungspolitik haben daher bereits auch CDU und Die Linke mit der Gemeinschaftsinitiative „Wohnbündnis für Rostock“ auf die defizitäre Stadtentwicklung unter OB Methling reagiert. Als Zusammenschluss zum Netzwerk der Rostocker Bürgerinitiativen (RoBin) und Repräsentant vieler Menschen unserer Stadt sind wir überzeugt, dass die kritische journalistische Auseinandersetzung mit der Verwaltungsprognose ein wichtiger Beitrag für Stadtgesellschaft und Öffentlichkeit sein kann, um Rostocks weiterer Entwicklung im Sinne von „Stadt fair teilen“ eine grundlegende, positive Richtung zu geben.

Foto: Prof. Dr. Dr.h.c. Dirk, links, Linowski Heiko Schulze, rechts