Geschichte Pommerns im 20. Jahrhundert
Verfasst: 31.03.2021, 05:53
Geschichte Pommerns im 20. Jahrhundert
Vollendung der landesgeschichtlichen Dauerausstellung
Vom Ersten Weltkrieg bis zum Beitritt Polens zum Schengener Abkommen
Greifswald - Im Pommerschen Landesmuseum öffnet der letzte Ausstellungsabschnitt über Pommern im 20. Jahrhundert ab dem 1. April 2021 seine Türen für Besucherinnen und Besucher. Vom Ersten Weltkrieg bis zum Beitritt Polens zum Schengener Abkommen
Damit ist die landesgeschichtliche Dauerausstellung vollendet und umfasst nun einen Zeitraum von rund 14.000 Jahren – von den ersten menschlichen Spuren der Jäger und Sammler in Pommern bis zum Beitritt Polens zum Schengener Abkommen im Jahr 2007 und der damit verbundenen Durchlässigkeit der Grenzen. Aus Sicht des Direktors Dr. Uwe Schröder hat diese Ausstellung drei Besonderheiten: „Erstens ist es ein gemeinsames EU-Projekt mit dem Stettiner Nationalmuseum. Zweitens begleiten uns konzeptionell durchgehend Zeitzeugen. Die dritte Besonderheit ist die Mitwirkung polnischer Historiker, die nach Greifswald kamen, hier wohnten und die Ausstellung mit entwickelten.“
Das 20. Jahrhundert mit seinen Kriegen, vielfachen Systembrüchen und dem gewaltigen Bevölkerungsaustausch bedeutete für die Region die vielleicht größte Zäsur in ihrer Geschichte. Schließlich verschwand der Name Pommern in der DDR fast vollständig. Erst in den letzten 30 Jahren besinnt sich die Region wieder zunehmend auf über Jahrhunderte gewachsene Strukturen. Die Ausstellung zeigt die zahlreichen Facetten dieser Brüche und Kontinuitäten. Neben aussagekräftigen Objekten ergänzen aufwendige Medienstationen und Installationen die Ausstellung, über die vor allem biographische Zugänge zu einzelnen Themenkomplexen angeboten werden.
Lech Karwowski, der Direktor des Nationalmuseums Stettin, lobt die gute Zusammenarbeit: „Die Realisierung jenes Projektes zeigt – genauso wie bei den früheren gemeinsamen Vorhaben – ein gut funktionierendes Modell einer tiefgehenden, grenzüberschreitenden Zusammenarbeit in der Forschung und Vermittlung der Kunst und der Geschichte Pommerns, das divergierende Ansichten und Perspektiven nicht verleugnet, sondern vielmehr gerade diese zu einem besseren Verständnis der Probleme und der Geheimnisse der Vergangenheit nutzt. Die gerade in Ihrem Hause fertiggestellte Ausstellung wird sicherlich zu einem Grund zu weiteren inspirierenden Diskussionen.“
Das Projekt „Gemeinsames Erbe, gemeinsame Zukunft“
Das Ausstellungsvorhaben realisiert das Pommersche Landesmuseum im Rahmen des Projektes „Gemeinsames Erbe, gemeinsame Zukunft. Die pommerschen Zentralmuseen präsentieren die Geschichte und Kultur Pommerns gemeinsam“ mit dem Stettiner Nationalmuseum (Muzeum Narodowe w Szczecinie). Das Projekt wird gefördert durch das Interreg-V-A-Programm der Europäischen Union. Die Fördersumme des gesamten Projekts beträgt 2,8 Millionen Euro, davon 1,4 Millionen Euro für das Pommersche Landesmuseum. Der Umsetzungszeitraum ist 2018–2021. In den kommenden Monaten werden im Rahmen dieses Projekts ein Ausstellungskatalog und eine Museumsapp mit vertiefenden Audiobeiträgen das Angebot ergänzen. Außerdem hoffen wir, möglichst bald Führungen, Vorträge und weitere Veranstaltungen zu dieser spannenden Ausstellung anbieten zu können.
Bitte informieren Sie sich vor Ihrem Besuch über die jeweils geltenden Bedingungen! Je nach Inzidenz der Corona-Neuinfektionen im Landkreis Vorpommern-Greifswald kann es möglicherweise vorgeschrieben sein, vor dem Museumsbesuch einen Termin zu buchen (03834-83120 oder info@pommerscheslandesmuseum.de). Auch erneute Schließungen sind möglich. Eine feierliche Eröffnung kann unter den derzeit geltenden Bedingungen leider nicht stattfinden, soll aber später nachgeholt werden. Als Einstimmung auf die Ausstellung dient ein kurzer Film, der auf der Homepage und auf dem YouTube-Kanal des Museums abrufbar ist.
Die einzelnen Ausstellungsabschnitte
Pommern vor 1945
Vom Ausstellungsraum zur Entstehung der Bäderkultur mit einer sommerlichen, heiteren Atmosphäre gelangt man über einen Korridor oberhalb des dunklen Croy-Saals in den neuen Ausstellungsabschnitt. Der erste Raum der neuen Ausstellung ist den Ereignissen des Ersten Weltkrieges gewidmet. Der Besucher steht vor einer großen Wandtapete, auf der Zitate aus Feldpostbriefen, Todesanzeigen gefallener pommerscher Soldaten und Schlagzeilen über das Kriegsgeschehen zu sehen sind. Diese Großtapeten stellen ein durchgängiges Gestaltungselement der Ausstellung dar. Infolge des Versailler Vertrags wurde Pommern Grenzland. In der Weimarer Republik verschlimmerten Inflation, Agrar- und Weltwirtschaftskrise die wirtschaftliche Lage und führten zur politischen Radikalisierung. Um der Not der Freester Fischer zu begegnen, initiierte der Greifswalder Landrat Walter Kogge die Teppichknüpferei. Wir zeigen den Teppich, den die Fischer 1929 dem Landrat aus Dankbarkeit schenkten. Die Nationalsozialisten begannen bald nach ihrem Machtantritt mit der Kriegsvorbereitung. Pommern entwickelte sich zu einem wichtigen Rüstungsgebiet. Erwähnt sei nur die Heeresversuchsanstalt Peenemünde mit den sogenannten „V1“- und „V2“-Raketen. Pommern war die erste Provinz des Reiches, aus der jüdische Mitbürger und Bewohner von Heilanstalten deportiert wurden. Der Besucher kann dieses Thema vertiefen, indem er die faksimilierten Kennkarten aller im Februar 1940 deportierten pommerschen Juden erkundet oder indem er ausgewählte Zeitzeugeninterviews der wenigen Überlebenden in einer Medienstation ansieht. Am Ende des Zweiten Weltkrieges flüchteten Hunderttausende nach Westen oder wurden vertrieben. In über 60 Clips berichten Zeitzeugen über ihr Schicksal.
Nach 1945: Vertriebene Pommern in der Bundesrepublik Deutschland
Für die Zeit nach 1945 gliedert sich die Ausstellung in drei Erzählstränge. In der Abteilung zur Geschichte der Vertriebenen in der Bundesrepublik steht neben dem wirtschaftlichen und organisatorischen Neuanfang insbesondere der Umgang mit Verlust im Vordergrund. Knapp 900.000 der rund 1,5 Millionen vertriebenen Pommern lebten 1950 in der Bundesrepublik. Der Neubeginn war schwierig; die größte Not linderte das 1952 verabschiedete Lastenausgleichsgesetz. Neben dem materiellen mussten die Vertriebenen auch den emotionalen Verlust der Heimat sowie die traumatischen Erfahrungen von Flucht und Vertreibung auffangen. Patenschaften auf Stadt-, Kreis- und Landesebene sendeten ein politisches Signal. Ein Highlight dieses Ausstellungsteils ist die Pyritzer Heimatstube, die im hessischen Korbach die Erinnerung an die pommersche Heimat wachhielt. Darin werden auch die verschiedenen Bewältigungsstrategien mit dem Verlust nachvollziehbar: durch Rekonstruktion zahlreicher Stadtmodelle oder des väterlichen Bauernhofs oder das Anfertigen der typischen Weizackertrachten.
Pommern in der DDR
Der größte Teil Vorpommerns gehörte nach 1945 zur DDR. In der Ausstellung berichten wir über solch einschneidende Ereignisse wie die für Pommern besonders prägende Enteignung des Großgrundbesitzes. Wir zeigen die Einrichtungsgegenstände einer im Zuge der „Aktion Rose“ enteigneten Pension auf Rügen, die Schalttafel eines Reaktorblocks des KKW Nord oder den Kompass, der auf einem gescheiterten Fluchtversuch über die Ostsee Verwendung fand. In eigens für die Ausstellung aufgenommenen Zeitzeugeninterviews machen wir Berichte aus dem Alltag zugänglich. Das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit einer historisch gewachsenen Region geriet sowohl im deutsch verbliebenen Teil Vorpommerns in der DDR wie auch im volkspolnischen „Westpommern“ immer mehr in die Defensive. Der Name Pommern selbst war politisch nicht mehr gewollt. Wir zeigen die Brüche und Kontinuitäten auf beiden Seiten der Grenze.
Pommern in der Volksrepublik Polen
Der dritte Erzählstrang betrifft Hinterpommern und einen Teil Vorpommerns mit der Hauptstadt Stettin. Nach der Übernahme durch die polnische Verwaltung fanden hier viele Neusiedler etwa aus allen Teilen Polens, aus den ehemaligen polnischen Ostgebieten sowie auch binnenvertriebene Ukrainer (Lemken und Bojken) eine neue Heimat. Eine große Herausforderung stellte der Wiederaufbau des stark zerstörten Landes dar. Dabei griff man häufig auf vorhandene Strukturen zurück. So wurde das Motorrad „Junak“, die polnische Harley Davidson, in den Hallen der ehemaligen Stoewer-Werke in Stettin produziert. Zentral sind die politischen Erhebungen im Dezember 1970 sowie das Aufkommen der Solidarność im August 1980, denen ein eigener Raum gewidmet ist. Die Konzeption dieses Ausstellungsabschnitts haben polnische Historiker erstellt. Am Ende der Ausstellung findet sich der Besucher in einer Projektion der einzigartigen Landschaft der Region wieder. Pommern – Pomorze – Das Land am Meer.
Daten und Fakten zur Ausstellung
Insgesamt werden auf einer Ausstellungsfläche von rund 310 m2 548 Exponate präsentiert, ergänzt durch 15 Medienstationen. Die Mehrheit der Objekte stammt aus der Sammlung des Pommerschen Landesmuseums. Einige Exponate stammen von Leihgebern aus Deutschland und Polen.
Ausstellungsfläche
310 m² im 1. OG im Grauen Kloster
Umfang der Ausstellung
548 Objekte
Gesamtleitung
Dr. Uwe Schröder
Ausstellungsleitung
Gunter Dehnert
Kuratoren
Gunter Dehnert, Heiko Wartenberg, Dr. Stefan Fassbinder, Dr. Tomasz Ślepowroński, Dr. Andrzej Hoja
Wissenschaftlicher Beirat
Prof. Dr. Thomas Stamm-Kuhlmann, Greifswald, Prof. Dr. Mathias Niendorf, Greifswald, Prof. Dr. Rafał Makała, Stettin/Danzig, Prof. Dr. Kilian Heck, Greifswald, Dr. Ingrid Ziehe, Berlin, Prof. Dr. Martin Onnasch, Greifswald (bis 2014), Prof. Dr. Werner Müller, Rostock (bis 2014)
Ausstellungsgestaltung
Bertron Schwarz Frey GmbH, Ulm/Berlin, studio 211, Stuttgart
Ausstellungsgrafik
Bertron Schwarz Frey GmbH, Ulm/Berlin, Monika Richter (Büro für Visuelles, Stuttgart)
Mitarbeit bei Recherchen
Leonie Winterstetter, Kathleen Riedel, zahlreiche Praktikantinnen und Praktikanten
Zeitzeugeninterviews
Michael Majerski (Arkonafilm, Berlin/Stettin), Ośrodek Karta, Warschau
Mediengestaltung und Medientechnik
Markus Müller, Berlin, gemelo GmbH, Hamburg
Bildarchiv
Heiko Wartenberg, Kai Kornow
Fotoarbeiten
Norman Posselt, Berlin, Antje Lück-Lewerenz, Greifswald
Grafikproduktion
Scancolor Reprostudio GmbH, Leipzig, Heiland-Werbung GmbH, Leipzig
Ausstellungslektorat
Gunter Dehnert, Heiko Wartenberg, Julia Kruse, Leonie Winterstetter, Dorota Makrutzki
Übersetzungen
Marcel Krueger, Dundalk, Arkadiusz Szczepański, Berlin, Federica Salomon Lume Pereira, Knetzgau
Konservatorische Betreuung
Renate Kühnen, Greifswald, Reinhard Labs, Greifswald, Cora Zimmermann, Peenemünde, Erik Seidel (Reskon, Greifswald)
Rahmung
Rahmenmanufaktur Lorenz, Libnow
Vitrinenbau, Ausstellungsaufbau und Werkstätten
Schreiber Innenausbau GmbH Museumseinrichtungen, Geyer, Kai Kornow, Sven Giersberg
Malerarbeiten
Malerbetrieb Norbert Vahl, Greifswald
Objektmontage
Abrell & van den Berg - Ausstellungsservice GbR, Berlin, Kai Kornow
Kommunikation
Julia Kruse
Controlling
Kathrin Bandemer
Bildung und Vermittlung
Ines Darr, Leonie Winterstetter
Ausstellungsplakat
Steffen Klaiber (Grafikagentur, Greifswald)
Pommern-Panorama
Raumprojektion: „Pommern – Pomorze – Land am Meer“: Sylvia Steinhäuser, Berlin, Ton: Jeff McGrory,
Berlin
Strand auf Hiddensee: Till Beckmann (Rimini, Berlin)
Wir danken unseren Leihgebern
Historisch-Technisches Museum, Peenemünde, Książnica Pomorska, Stettin (Szczecin), Militärhistorisches Museum, Dresden, Museum Lassaner Mühle, Lassan, Altstadt-Initiative, Greifswald, Eberhard Schiel, Stralsund, Lilo Schlösser, Demmin