Rede von Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier beim Festakt zu 60 Jahren Kuratorium Deutsche Altershilfe

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Maik Thomaß
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Rede von Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier beim Festakt zu 60 Jahren Kuratorium Deutsche Altershilfe

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Rede von Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier beim Festakt zu 60 Jahren Kuratorium Deutsche Altershilfe

Vor 60 Jahren gründeten Wilhelmine Lübke und ihr Mann, Bundespräsident Heinrich Lübke, das Kuratorium Deutsche Altershilfe – und seitdem setzt sich Ihre Organisation für ein selbstbestimmtes, würdevolles Leben, für die gesellschaftliche Teilhabe und die Lebensqualität älterer Menschen ein. Ob wir in unserer Gesellschaft über Anstand und Herzenswärme verfügen, ob wir solidarisch sind, das zeigt sich daran, wie wir mit der älteren Generation umgehen. Sie nicht alleine zu lassen, nicht zuzulassen, dass sie vereinsamt – darum ging es in den zurückliegenden Wintern der Pandemie. Und darum wird es auch gehen, wenn alte Menschen in diesem Winter die Auswirkungen von Russlands Krieg in der Ukraine bei Strom- und Heizungskosten zu spüren bekommen. Ihre Arbeit, die Arbeit des Kuratoriums Deutsche Altershilfe, war und ist für unser Land besonders wertvoll!

Als Bundespräsident ist es mir daher besonders wichtig, dem Kuratorium Deutsche Altershilfe zu seinem Geburtstag zu gratulieren. Ich bin sehr gern Schirmherr Ihrer Organisation, und ich sage heute ganz einfach: Herzlichen Dank für Ihre Arbeit!

Sie haben sich anlässlich dieser Veranstaltung das Motto gegeben: „Für mehr Teilhabe, Selbstbestimmung und Würde im Alter.“ Ich finde, das stellt einen wichtigen Zusammenhang her, denn bei allem, was Sie tun, geht es um Würde, um den zentralen Begriff unseres Grundgesetzes. Und Selbstbestimmung und Teilhabe sind wichtige Bedingungen dieser Würde.

Würde im Alter hat viele Aspekte. Wenn wir eben nicht mehr alles selbst machen können oder sogar vollkommen auf andere angewiesen sind, weil wir gepflegt werden müssen; wenn im Alter die Kräfte nachlassen – dann muss die Würde eines Menschen von anderen bewahrt werden. Das Kuratorium Deutsche Altershilfe hat sich immer wieder auch der Missstände in der Pflege angenommen, und ich bin Ihnen für diese wichtige aufklärerische Arbeit sehr dankbar. Mir ist es aber ebenso wichtig, an die aufopferungsvolle Arbeit all derjenigen zu erinnern, die in der Pflege beschäftigt sind, die sich jeden Tag und jede Nacht fürsorglich um Ältere, Kranke und Schwache kümmern. Uns allen darf es nicht gleichgültig sein, wenn so viele Menschen, die in der Pflege arbeiten, erschöpft und ausgebrannt sind. Ich meine: Wir müssen alles dafür tun, dass diese Berufe attraktiver werden und die Wertschätzung bekommen, die sie verdienen.

Gleichzeitig können die höheren Pflegekosten nicht allein von älteren Menschen getragen werden, und das umso weniger, wenn grundsätzlich die Kosten für die Lebenshaltung angesichts der Energiekrise enorm steigen. Hier ist die Politik gefordert, möglichst schnell nach gerechten – und ich würde ganz bewusst sagen: auch nach würdevollen – Lösungen zu suchen!

Aber auch für alte Menschen, die selbständig zuhause leben, die in ihrem gewohnten Wohnumfeld sind, gibt es noch genug zu tun. Würde im Alter bedeutet nämlich auch, dass diese Menschen in unserer Gesellschaft nicht unsichtbar werden dürfen, dass sie nicht vereinsamen, weil sie mit niemandem Kontakt haben oder ihre Wohnungen nicht mehr verlassen können.

Wenn ich höre, dass alte Menschen über Wochen und Monate gar keine Kontakte haben oder die einzigen Kontakte die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Pflegedienstes sind, die aber für längere Gespräche doch auch keine Zeit haben, dann berührt mich das zutiefst. Und ich bin froh, dass es bereits Initiativen gibt, die sich darum kümmern, die Isolation alter Menschen zu durchbrechen, vom Besuchsdienst bis hin zu organisierten Telefongesprächen.

Ich möchte mir jedenfalls kein Land vorstellen, in dem die alte Generation abgedrängt wird. Es wäre ein Land ohne Wärme, ein Land ohne Erfahrung, ein Land ohne Gedächtnis – ein Land ohne Würde. Ich möchte vielmehr ein Land, in dem wir uns alle gleichberechtigt begegnen, über soziale Grenzen, auch Generationengrenzen hinweg; in dem wir uns begegnen und erleben können, dass wir zusammengehören.

Wir dürfen es nicht zulassen, dass unsere Gesellschaft in einzelne Teile zerfällt, die sich immer mehr voneinander abschotten, im Gegenteil: Wir müssen Ideen und Wege finden, wie wir als Gemeinschaft wieder mehr füreinander da sein können. Ich habe daher vor einiger Zeit den Vorschlag gemacht, eine soziale Pflichtzeit einzuführen. Ich wünsche mir, dass wir einen Weg finden, wie mehr Menschen sich – mindestens einmal im Leben – für einen gewissen Zeitraum den Sorgen ganz anderer, zuvor fremder Menschen widmen, für diese Menschen da sind. Denn wir müssen als Gesellschaft wieder enger zusammenrücken, wir müssen Grenzen überwinden – auch gerade zwischen Jung und Alt.

Sie, liebe Mitglieder und Freunde des Kuratoriums Deutsche Altershilfe, haben in sechzig Jahren bereits viel getan, um die Lebenssituation alter Menschen ganz konkret zu verbessern, und damit viel für die so wichtige, große Idee des Zusammenhalts geleistet. Sie waren Impulsgeber, Sie haben Expertinnen und Experten vernetzt, Sie beraten, Sie kritisieren und Sie fordern. Die Idee der Teilhabe für alle ist alterslos, sie ist ein Kernstück unserer Gesellschaft, sie muss immer erneuert werden. Das Kuratorium Deutsche Altershilfe steht für diese ewig junge Idee seit sechzig Jahren.

Ich danke Ihnen für Ihre jahrzehntelange unermüdliche Arbeit und ermutige Sie, in Ihren Bemühungen nicht nachzulassen. Ihre Arbeit bleibt wichtig. Denn was Sie tun, ist von einer tiefen Erkenntnis geprägt: Die Würde der älteren Generation ist eine Frage der Würde unserer Gesellschaft insgesamt.

Nochmals herzlichen Glückwunsch zu Ihrem Jubiläum und alles Gute!
Redaktion Maik Thomaß
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