Rede von Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier bei der Ordensverleihung während der „Ortszeit Freiberg“ in Freiberg
Verfasst: 13.12.2022, 17:38
Rede von Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier bei der Ordensverleihung während der „Ortszeit Freiberg“ in Freiberg
Sie tun nämlich das, was sie tun, und sie sind das, was sie sind, weil sie es für das Selbstverständlichste der Welt halten. Sie können sich gar nicht vorstellen, dass es nicht so wäre. Und das ist in unseren Zeiten eben außergewöhnlich, und das feiern wir heute, indem wir diese Mitbürgerinnen und Mitbürger ehren, indem wir sie einmal in den Mittelpunkt stellen und öffentlich sagen: Sie haben sich um unser Land verdient gemacht – um unser Land, um unsere Gesellschaft, um die Mitmenschen, denen sie sich besonders verpflichtet wissen, oder um den Teil der Schöpfung, der ihre besondere Zuwendung herausgefordert hat. Und deshalb haben sie jetzt schon zu Anfang einen großen Applaus verdient!
Es gehört zu den schönsten Pflichten des Bundespräsidenten, verdienten Mitbürgerinnen und Mitbürgern das Bundesverdienstkreuz zu verleihen. Am liebsten ist es mir – das geht nicht immer, weil es zum Glück sehr viele sind –, wenn ich ihnen diese Auszeichnung, das Verdienstkreuz, persönlich aushändigen darf. Mich erfüllt dann nicht nur Dankbarkeit und Hochachtung, sondern auch Stolz, dass unser Land immer wieder und an so vielen Orten zu so vorbildlichen Mitmenschen aufschauen kann.
Sie erleben heute also beides: den Bundespräsidenten bei einer seiner ganz normalen Tätigkeiten, wenn auch bei einer besonders schönen – und andererseits die außergewöhnliche Situation, dass dies nicht, wie gewöhnlich, in Berlin im Schloss Bellevue geschieht, sondern hier bei Ihnen in Sachsen.
Sie alle wissen: Ich bin in diesen Tagen hier in Freiberg zur „Ortszeit Freiberg“, um bei Ihnen meinen Amtsgeschäften nachzugehen. Zum fünften Mal habe ich meinen Amtssitz in eine andere Stadt unseres Landes, unseres Staates verlegt, und Freiberg wird nicht die letzte Station sein. Nicht nur, damit Bürgerinnen und Bürger wie Sie die Gelegenheit haben, zu erleben, wie das normale Arbeitsleben eines Bundespräsidenten aussieht, sein Alltagsgeschäft sozusagen. Viel wichtiger ist, dass ich erfahren und erleben kann, wie die Bürgerinnen und Bürger in den so unterschiedlichen Regionen unseres Landes ihren Alltag leben; damit ich sehen und hören kann, was sie jenseits der politischen Debatten in der Hauptstadt und abseits der täglichen Talkshows bewegt, was sie ärgert und besorgt, was sie freut und zusammenhält, worauf sie stolz sind oder was sie mehr anerkannt sehen wollen. Ich möchte in dieser nicht einfachen Zeit für unser Land ihre Stimmen in den Regionen hören und ihnen auch eine weithin hörbare Stimme geben.
Ich erfahre auf diese Weise, bei diesen Besuchen immer wieder Neues, gewinne neue Eindrücke und Einsichten. Auch hier in Freiberg. Dafür bin ich sehr dankbar: für die Offenheit, mit der die Menschen mir hier begegnet sind, mit der wir wichtige und ernste Fragen gemeinsam besprechen konnten, bis hin zu den Fragen von Krieg und Frieden. Und ich bin auch dankbar für die Herzlichkeit, die ich hier immer wieder erlebt habe in den letzten drei Tagen. Ich bin vor allem dankbar für die Erfahrung, dass auch hier in Freiberg, wie an so vielen anderen Orten in unserem Land, eine aktive, engagierte Bürgergesellschaft höchst lebendig ist. Eine Bürgergesellschaft, in der sich viele dafür einsetzen und zeigen, dass das Verbindende in unserem Land am Ende doch stärker ist als das, was uns trennt; dass demokratischer Streit nicht zur Spaltung führen muss, sondern auch zu Kompromissen und tragfähigen Lösungen beitragen kann; dass berechtigte Kritik nicht nur in Klage münden muss, in Ablehnung und Protest, sondern auch zu kreativen, gemeinsamen Aktionen und vielfältig engagierten Initiativen führen kann.
Sie glauben gar nicht, wie wichtig es mir ist, das zu erleben – auch bei Ihnen hier in Freiberg. Natürlich, die Pandemie, die Folgen des Krieges in der Ukraine, die wirtschaftlichen Ängste wegen steigender Preise für Energie und Lebensmittel: Überall in unserem Land führt das zu Diskussionen – in den Familien, unter Freunden, in den Betrieben. Aber wie es in unserem Land weitergeht und ob es gut weitergeht, das entscheidet sich nicht allein auf Regierungsbänken oder in Parlamenten in Berlin oder in Dresden. Das entscheidet sich in jeder einzelnen Kommune, in jeder einzelnen Stadt, also auch hier in Freiberg und hier in Sachsen.
Jede Bürgerin, jeder Bürger kann dazu beitragen, dass unsere Gesellschaft zusammenbleibt, kann sich engagieren und mithelfen. Hier in Freiberg und auch schon bei den anderen Ortszeiten habe ich erfahren und erfahre es immer wieder, wie groß tatsächlich die Bereitschaft ist, Verantwortung für andere, für die Gemeinschaft zu übernehmen, und auch dafür bin ich sehr dankbar.
Ehrenamtliches Engagement, wo auch immer es gelebt wird, soll und darf nicht als Lückenbüßer für mangelndes oder fehlendes staatliches Handeln begriffen werden. Aber nicht überall kann der Staat mit seinen Behörden, Einrichtungen und Maßnahmen tätig werden. Ohne aktive Bürger ist die Demokratie machtlos. Immer wieder müssen wir neu begreifen, und eine Ordensverleihung ist auch dazu ein guter Anlass: Der Staat ist kein abstrakter Apparat, der mehr oder weniger gut funktioniert – die Demokratie, das sind wir alle. Wie gut oder wie schlecht sie ist, hängt eben auch davon ab, wie sich Bürgerinnen und Bürger für diese Demokratie engagieren.
Und dieses bürgerschaftliche Engagement, das Rückgrat jeder Demokratie, das ist nicht einfach da und pflanzt sich nicht naturwüchsig einfach fort. Nein, es braucht dazu die Bereitschaft von uns allen und vor allem immer wieder leuchtende Beispiele, wie Sie es sind. Dafür stehen die, die ich gleich auszeichnen darf. Sie leuchten nicht nur für sich, sondern sie erleuchten auch das Herz und den Verstand anderer – die sich daran vielleicht in Zukunft ein Beispiel nehmen. Die Sie ermutigen. Denen Sie zeigen: Da geht was.
Ja, es geht was. Und zwar dann, wenn jeder sich umsieht und sich fragt: Wo könnte ich mit dem, was ich bin, und mit dem, was ich kann, gebraucht werden?
Ich will nicht vorwegnehmen, was ich gleich bei der Aushändigung der Orden zu jeder und jedem gesondert sagen darf. Aber es kann doch nur Staunen machen, dass in einer einzelnen Ordensverleihungszeremonie so ganz unterschiedliche Bereiche dabei sind wie die musikalische Bildung, wie die Hilfe für Frauen, die Gewalt ausgesetzt sind, Hilfe für Familien, wie die lebensbegleitende Bildung gerade auch für Menschen mit Behinderung, wie die Sorge um den Regenwald und die bedrohten Orang-Utans, wie die Unterstützung für Menschen mit einer besonderen, oft diskriminierenden Krankheit, wie die Hilfe für Flüchtlinge, die Hygieneversorgung für Menschen in Afrika, wie das leidenschaftliche Engagement – das wollen wir nicht vergessen – für kommunale Politik.
All das zeigt, wie vielfältig und voller Ideen Menschen sich segensreich einsetzen – für die Mitmenschen und die Mitwelt. Und ich freue mich, dass unter den heute Ausgezeichneten auch eine Mitbürgerin aus Freiberg dabei ist. Sie, liebe Carmen Hartung, stehen stellvertretend für den Gemeinsinn, den ich hier in Freiberg in den letzten drei Tagen wirklich hautnah erfahren durfte.
Meine Damen und Herren, oft hört man, es gebe in der gegenwärtigen Zeit zu viel Individualismus und zu viel Eigensinn. Und daran ist sicher viel richtig. Aber bei denen, die wir heute auszeichnen, muss man sagen, ja, ganz genau, es ist gerade ihr Eigensinn gewesen, der ihnen gesagt hat: Das ist jetzt meine Sache, hier werde ich gebraucht, das ist meine ganz persönliche Herausforderung. Von solcher Art Eigensinn können wir eigentlich gar nicht genug haben! Das führt ja auf jeweils ganz eigene und ganz unverwechselbare Art zu dem Gemeinsinn, ohne den unsere Republik, unser Gemeinwesen unendlich viel ärmer wäre. Und dafür danke ich Ihnen.
Und jetzt kommen wir auch wirklich und endlich zur Hauptsache: zur Auszeichnung derer, die sich um unser Land in besonderer Weise verdient gemacht haben.