Hansestadt Rostock genehmigt Unfallschwerpunkte
Verfasst: 14.12.2022, 13:55
Hansestadt Rostock genehmigt Unfallschwerpunkte
Neuestes und krönenstes Beispiel der Verkehrsplanung in Rostock, war wohl die Genehmigung eines Neubaus eines Netto-Marken-Discount in Lütten Klein "Lichtenhäger Chaussee". Schon zu Baubeginn sah ich, als Radfahrer, dem Verkehrskonzept kritisch entgegen. Eine kurze Ortsbeschreibung. Der neue Netto liegt an der Lichtenhäger Chaussee in Lütten Klein zwischen Lütten Klein und Lichtenhagen Dorf. Um diesen zu erreichen oder zu verlassen müssen Autofahrer und Autofahrerinnen einen kombinierten Fuß- und Fahrradweg, der in beiden Richtungen nutzbar ist, überqueren. Fahrradfahrer und Fahrradfahrerinnen, sowie Fußgänger und Fußgängerinnen haben an dieser Stelle Vorrang.
Folgende Situation, wie am 14. Dezember 2022 geschehen, und ja, ich war derjenige, der diese Situation am eigenen Leib erfahren durfte. Wer von Lütten Klein Richtung Lichtenhagen Dorf mit dem Fahrrad unterwegs ist, fährt auf dem kombinierten Fuß- und Fahrradweg, parallel zur Lichtenhäger Chaussee. Während schon Höhe der Stadtentsorgung Rostock (Koppelweg) Radfahrer und Fußgänger auf den, obwohl Vorrang, Autoverkehr achten müssen, geht es keine 200 Meter weiter entfernt noch ein Stück gefährlicher zu. Am Koppelweg gibt es zumindest eine Verkehrsinsel, auf der Radfahrer und Fußgänger Zuflucht finden können.
Zurück zur heutigen Situation. Ich war auf dem Weg von Lütten Klein Richtung Lichtenhagen Dorf und befuhr besagten kombinierten Rad- und Fußweg. In Höhe der Ein- und Ausfahrt Netto verlangsamte ich meine Fahrt, um, als Vorfahrtsberechtigter, zu schauen, ob sich ein Auto hinter mit befindet, welches die Absicht hat, auf das Gelände von Netto zu fahren. Im nächsten Augenblick richtete ich meinen Blick Richtung Ausfahrt Netto, ob sich dort nicht auch ein Fahrzeug im Anflug befindet. Nachdem ich beide Seiten als frei beurteilte, wollte ich wieder beschleunigen. Was ich jedoch nicht im Blick hatte, war ein Autofahrer, der aus Richtung Lichtenhagen Dorf nach links zum Netto einbiegen wollte. Scheinbar interessierte es den Autofahrer nicht sonderlich, dass Fußgänger und Radfahrer an dieser Stelle Vorrang haben. Für ihn war nur wichtig: "Im Gegenverkehr kommt keiner, ich kann fahren." Somit wäre es am Tag 3 nach der Neueröffnung besagten Marken-Discounts beinahe zu einem Unfall gekommen.
Wie kann die Hansestadt Rostock eigentlich verkehrsplanerisch so gegen die schwächsten Verkehrsteilnehmer, in diesem Falle Fußgänger und Radfahrer, agieren? Bei der Planung wurde noch nicht einmal ein Hinweisschild aufgestellt. An dieser Stelle sei noch gesagt, dass sich in unmittelbarer Nähe, etwa 50 Meter weiter, ein Sportplatz auf der selben Seite befindet. Unweit von hier befindet sich zudem eine Grundschule, zu dieser sowie dem Sportplatz fahren viele Kinder und Jugendliche besagten Rad- und Fußweg, um zu den Wirkungsstätten zu kommen. Im übrigen sind die beiden genannten Stellen nur zwei Gefahrenstellen und Unfallschwerpunkte. Aber die Hansestadt Rostock wäre nicht die Hansestadt, würde sie nicht auch auf der selben Strecke, nur in anderer Richtung, ebenfalls einen seit Jahren bestehenden Unfallschwerpunkt, betreiben. Hierbei handelt es sich um die Einfahrt von der Lichtenhäger Chaussee zum Aldi-Markt. Auch hier müssen Autofahrer einen Rad- und Fußweg, diesmal kein kombinierter, sondern ein getrennter, queren. Ähnliche Szenarien, wie das bereits genannte gab es in der Vergangenheit schon öfter, weil auch hier keinerlei Hinweisschilder zu querenden Fußgängern und Radfahrern vorhanden ist.
Was die Einfahrt am Netto angeht, wäre ich zumindest mal dafür, dass die Hansestadt, besonders deren Verantwortliche, sich vor Ort ein Bild machen und nicht nur vom Schreibtisch aus planen.
Weiteres Manko dieser Tage: Das Beräumen von Fuß- und Fahrradwegen von Schnee und Eis zur Winterzeit. Irgendwie werde ich als täglicher Radfahrer das Gefühl nicht los, dass hier der Fokus auf den Individualverkehr gelegt wird, andere Verkehrsteilnehmer jedoch aus diesem Fokus verschwinden. So werden viele Rad- und Gehwege weder geräumt und wenn, nur schlecht gestreut oder abgestumpft. Noch schöner die Situation in der Rigaer Straße, wo extra für Radfahrer auf der Straße ein abgetrennter Radfahrstreifen angelegt wurde. Die Idee dahinter scheint ja gut zu sein, jedoch schafft es alljährlich der Winterdienst, gefallenenen Schnee genau auf besagte Fahrradstreifen zu schieben, dort darauf zu warten, dass dieser, mehr oder weniger gut, taut um in frostigen Nächten eine schöne massive Eisschicht zu bilden, die das Befahren der Fahrradwege an diesen Stellen unmöglich macht. Getreu dem Motto "Hauptsache unsere Autofahrer sind zufrieden. Radfahren muss bei diesem Wetter nicht sein".
Ihr merkt, ich bin noch lange nicht am Ende. Ein weiterer Kritikpunkt am Verkehrskonzept: Gehwege beispielsweise im Stadtteil Lütten Klein. Dieser Stadtteil ist nun bereits 50 Jahre alt und genauso verhält es sich auch mit Gehwegen entlang der Helsinkier Straße. Vor einigen Jahren schrieb ich die Hansestadt Rostock an, wann der benannte Gehweg denn mal instand gesetzt wird. Es fahlen Gehwegplatten, der Weg sackt an Stellen ab und wer dort beispielsweise mit einem Rollator, Rollstuhl oder mit Gehstützen unterwegs ist, wird seine wahre Freude haben. Eine Schlaglochpiste ist gar nichts gegen diesen Weg. Promt, ein paar Tage später erhielt ich von der Hansestadt tatsächlich eine Antwort, die ich euch natürlich nicht vorenthalten möchte, zumindest auszugsweise:
"die Beschilderung einiger Gehwege in Lütten Klein haben wir als Amt veranlasst, da eine grundhafte Erneuerung dieser Anlagen ncht aus dem vorhandenen Budget finanzierbar ist.
Das Gros der Verkehrsanlagen in Lütten Klein stammt aus den Jahren 1965 bis 1974 ist befindet sich noch im Originalzustand und ist altersbedingt verschlissen aber noch nutzbar. Als Baulastträger sind wir verpflichtet, die Nutzer vor etwaigen Gefahren zu warnen.
Da es gemäß StVO keine diesbezüglichen Schilder für Fußgänger gibt, haben wir uns so behelfen müssen. Dies ist nicht unüblich. Sie finden z.B. in Hamburg oder Berlin ähnliche Ausschilderungen von Gehwegen. [...] Eine Kostenschätzung für die Sanierung der über 1000 m langen Gehwege in der Helsinkier Straße geht von ca. 630.000 € aus."
Somit hatte ich meine Antwort, warum "nur Hinweisschilder", dazu sei gesagt, dass dieses etwa 10 mal 15 Zentimeter groß ist, aufgestellt wurden. Diese enthalten den sinngemäßen Text: "Achtung Gehwegschäden [...] Straßen- und Tiefbauamt Rostock". Um diese Schilder zu sehen oder wahr zu nehmen, müssen Nutzer und Nutzerinnen dieses Weges jedoch genau hinschauen. Erstens sind die Schilder wirklich sehr klein gehalten und teilweise durch Heckenbewuchs vor Witterungseinflüssen geschützt. Okay, dass 630000 Euro nicht gerade wenig sind, ist mir persönlich auch klar. Es scheint ja auch schon an entsprechender Stelle angekommen zu sein, dass die Gehwege entlang der Helsinkier Straße marode sind und verkehrstechnisch überholungsbedürftig oder sanierungsbedürftig sind. Die Mail stammte übrigens aus dem Jahr 2018, also schon fast fünf Jahre her. Getan hat sich seither nichts.
Um mal wieder zurück zum Radwegenetz zu kommen. So brüstet sich die Hansestadt mit einer Radschnellwegbrücke für Radfahrer in der Südstadt, kann man haben, muss man aber nicht, denn hier sind Radwege, aus meiner Sicht als Nutzer, gut ausgebaut, sogar mit Lichtzeichenanlagen an Kreuzungen. Was andere Wege angeht, so stehen diese nicht im Interesse der Hansestadt, wobei ich dort eher denke, dass es nicht um das reine Interesse, sondern um die Sichtbarkeit geht. In der Innenstadt werden Fahrradwege und Fahrradstraßen regelmäßig instand gehalten.
Zwischen Lütten Klein und dem Verbindungsweg zwischen Lichtenhagen Dorf und Sievershagen jedoch scheint die Zeit seit vor der Wende 1989 still zu stehen. Ein bereits im Bau befundener begrenzter Weg wurde nicht weitergebaut. Aus Zeitzeugenaussagen konnte ich hören, dass dort einst Gehwegplatten verlegt werden sollte, diese jedoch auf unbekannt Weise abhanden gekommen sind. Die Wegbegrenzung dagegen ist heute noch gut sichtbar, verliert sich jedoch in einem Sandweg, der Platz für einen Fußgänger/Radfahrer lässt, bei trockenem Wetter, abgesehen von starken Unebenheiten, recht passabel zu befahren ist, jedoch nach regnerischem Wetter einer Schlammpiste ähnelt. Viele Anlieger, seien es Gartenbesitzer oder gar Schülerinnen und Schüler aus Sievershagen und Lichtenhagen Dorf nutzen besagten schmalen, ich nenne ihn mal Wanderweg. Dieser wird auf einer Seite durch einen etwa 2 Meter tiefen Wassergraben und auf der anderen Seite durch wild wachsendes Buschwerk eingegrenzt. Irgendwann wird dieser Weg breiter, jedoch nicht besser, sondern schlechter. Anliegende Gartenanlagen machten sich bei der Hansestadt bereits kundig, ob dieser Weg nicht einmal besser befestigt werden könnte. Dieser Weg wird ab den Kleingartenanlagen als Radweg, Wanderweg und Zufahrt für PKW genutzt. Und glaubt mir, weder auf dem Fahrrad, noch im Auto ist dieser Weg ein Vergnügen.
Schlaglöcher können die Vertiefungen, die sich gerade nach Regen willkürlich vergrößern, nicht mehr nennen. Ich nenne die Piste gerne Kraterlandschaft. Irgendwann im Jahr 2022 wurde an besagten Teilstück des Weges entlang der Kleingärten etwas gemacht. Jemand hatte die Idee, den Weg mit Schotter aufzufüllen und diesen zu verdichten. Schotter ist ja scheinbar so die Allzweckwaffe. Während er also passagenweise eine recht angenehme Fahrt ermöglicht, gibt es längere, und damit meine ich tatsächlich längere Teilstücke, wo genau die groben Schottersteine irgendwie als Bremsmechanismus eingebaut wurden. Hier heißt es für Radfahrer entweder absteigen und schieben, Schrittgeschwindigkeit oder einfach vorher einen kräftig über den Durst trinken, dann ist der Fall nicht so schmerzhaft. Bezüglich dieses Weges frage ich bei der Hansestadt gar nicht erst nach. Hier kann ich mir lebhaft die Antwort vorstellen: Irgendetwas in Richtung "ist nicht so attraktiv".
Eine Punkt habe ich noch, den ich gerne nochmals ansprechen möchte. Es handelt sich erneut um, wer hätte es gedacht, Radwege. Irgendwie hat es die Polizei in Rostock nicht so mit der Kontrolle von Radfahrerinnen und Radfahrern, die sich nicht an geltende Bestimmung halten. Oder manchmal scheint der Feierabend, so mein Eindruck, wichtiger zu sein, als die Verkehrssicherheit. Konkrete Beispiele im Folgenden.
Beispiel 1: Der kombinierte Rad- und Fußweg entlang der Bundesstraße 103 zwischen dem Schutower Kreuz und Warnemünde. Regelmäßig nutze ich diesen Weg, meist in den Morgenstunden ab und an auch am Tag. Beiseitig der Bundesstraße 103 befinden sich besagte kombinierte Rad- und Fußwege mit einer Breite von weniger als 80 Zentimetern. Beide Wege sind jeweils in eine Richtung nutzbar, da gibt es doch tatsächlich Piktogramme auf dem Boden, die darauf hinweisen. Diese Piktogramme scheinen für einige Radlerinnen und Radler jedoch eher ein willkommenes Kontrastprogramm zum grau in grau wirkendem Weg zu sein. Soll heißen, sie fahren bewusst, auf dem, selbst vom ADFC als zu schmal bemessenen Weg (der ADFC fordert Fahrradwege mit einer Breite von 160 Zentimetern in eine Richtung nutzbar) in die falsche Richtung. Noch besser wird dies im Winter, wenn es noch dunkel in den Morgenstunden ist, sichtbar. Falsche Richtung, Scheinwerfer eingestellt, als hätte man Fernlicht oder noch besser, gleich das Licht, welches ja lästig ist, auslassen und damit es für den Gegenüber noch spannender wird, dunkle Bekleidung. Zurück zur Polizei, die das nicht sehen will oder darf? Hier fahren regelmäßig Streifenwagen auf der Stadtautobahn entlang. Regelmäßig werden geisterfahrende Radfahrer und Radfahrerinnen nicht gesehen oder ignoriert.
Dies betrifft aber nicht nur diesen Radweg, es trifft auf fast alle Radwege zu. Über die Beschaffenheit des Radweges entlang der Bundesstraße 103 zwischen Warnemünde und Lichtenhagen möchte ich mich nicht weiter auslassen. Irgendwo im Text erwähnte ich schon einmal Schlaglochpiste, was auf genannten Streckenabschnitt noch freundlich ausgedrückt ist.
Letzter Punkt, den ich gerne noch mit erwähne: Parken von Lieferfahrzeugen auf einer zweispurigen Straße. Das wäre ja in Evershagen in der Berhold-Brecht-Straße möglich. Aber statt mal die eigenen Verkehrsteilnehmer, sprich die Autofahrer, etwas auszubremsen oder zu behindern, werden die Radwege zwischen den Einmündungen Thomas-Morus-Straße, Ehm-Welk-Straße regelmäßig gänzlich zugestellt. Fahrradfahrerinnen und Fahrradfahrern bleibt dann nur, entweder über die Rasenfläche, die teilweise mit Bäumen und Sträuchern bepflanzt ist, oder auf die zweispurige Straße auszuweichen. Was wird hier beliefert: Es gibt entlang der Strecke zwei Hochhäuser. Beide haben davor jeweils breite Fußwege. Da könnten besagte Lieferanten ja eigentlich problemlos und verkehrsungefährdend stehen um Pakete und Päckchen auszuliefern. Der schnellere Weg jedoch führt auf die Radwege, die jeden Werktag aufs neue zugestellt sind. Alternativ könnten sie auch auf der rechten Geradeausspur halten und von dort aus ausliefern. Das macht aber keiner. Entweder halb (dann schön zugestellt) oder gleich ganz auf dem Radweg. Auch hier scheinen weder Polizei, noch Ordnungsamt oder die Hansestadt eine dauerhafte und für alle Verkehrsteilnehmer mögliche Lösung in Betracht zu ziehen.
So, nun aber genug Gemecker, obwohl es hier noch viele weitere Punkte im Bezug auf Fuß- und Fahrradwege geben würde.
Das Fazit: Scheinbar muss es erst zu schwerwiegenden Unfällen mit Personenschäden oder gar Toten, ach halt, da war doch vor kurzem etwas mit einer Radfahrerin, der in falscher Richtung besagten Rad- und Fußweg entlang der Bundesstraße 103 unterwegs war, wie konnte ich Dussel den bloß vergessen. Alles was an diesem vermeidbaren Unfall erinnert, sind die Spuren der Spurensicherung und ein weißes Fahrrad, welches unweit des Unfallortes aufgestellt wurde.
Spätestens jetzt müsste die Polizei präsenter sein. Seit 2016 fahre ich an besagtem Unfallort mehrmals die Woche vorbei. Bisher gab es keinerlei Kontrollen seitens der Polizei. Wahrscheinlich ist ein Toter/eine Tote im Straßenverkehr, wobei es sich hier um die Radfahrerin als Schuldige handelt, noch nicht genug. Vielleicht will man abwarten, wie viele Unglücke es in einem Jahr an einer bestimmten Stelle gibt, um zu entscheiden, "oh, hier müssten wir uns doch mal etwas überlegen, oder vielleicht auch mal handeln". Ich weiß es nicht, was die Beweggründe sind, warum die Hansestadt Rostock, die Rostocker Polizei und das Ordnungsamt der Hansestadt Rostock in einem Trägheitsmodus verfallen sind und diesen Modus nicht verlassen können. Ich würde ja frech behaupten: Sie haben gar nicht die Muße, etwas zu ändern. Läuft doch perfekt. Was ist denn ein Unfallgeschädigter mehr im Jahr, in der Woche, am Tag. Hauptsache wir bleiben auf unserem Kurs: Innenstadt sicherer machen, die anderen Stadtteile, das regelt sich bestimmt von alleine.
Liebe Hansestadt Rostock, liebe Polizei Rostock, liebes Ordnungsamt Rostock: Wie viele Tote oder Verletzte müssen auf Rad- und Gehwegen an Gefahrenstellen jährlich auftreten, damit ihr endlich mal euren Hinter erhebt und aktiv werdet. Übrigens sollte Verkehrsplanung nicht am Schreibtisch oder Reißbrett enden sondern auch Vorort weitergeführt werden. Nur als Tipp.
Damit endet meine kleine bescheidene Abrechnung mit der auf dem Wege zur fahrradunfreundlichsten Stadt mutierenden Hansestadt Rostock, zumindest was die Stadtteile angeht, die nicht im Innenstadtbereich oder im innenstadtnahen Bereich liegt.