Warum kompliziert, wenn es auch umständlich geht
Verfasst: 05.02.2023, 11:41
Warum kompliziert, wenn es auch umständlich geht
Ich fange an mit einem heute nicht mehr aus den Haushalten weg denkbaren Gerät: Dem Fernseher.
Der Fernseher, ein Gerät, welches Entspannung, Information, Humor und Freizeitvertreibung schaffen soll und dieses, besonders letzteres zu Freizeitfressern macht. Kurz zu mir. Geboren Ende der 70er, aufgewachsen in den 80ern in der der DDR, meine Jugend verlebte ich in den 1990ern. Zu Zeiten der DDR gab es, wenn überhaupt, in jedem Haushalt einen Fernseher. Ein Großgerät aus massiven Sperrholz mit einer Bildröhre enormen Ausmaßes. Daran befindlich sieben Druckknöpfe, sechs Drehrädchen und zwei Knöppe für den Ton, laut - leise und mehr Höhen, weniger Höhen. Das reichte damals aus für DDR1, DDR2 und einen dänischen Fernsehsender, später dann noch ARD, ZDF und N3.
Zu bedienen war dieses Gerät ganz einfach. Den roten Knopf zum Ein- und Ausschalten des Gerätes und die sechs weiteren, meist schwarzen rechteckigen Knöpfe (fachlich Schalter genannt) für die einzelnen Sender, wobei, im Normalfall, über eine Mechanik ein Schalter drücken den anderen Schalter aus seiner Verankerung entließ und so wurde umgeschaltet. Ab und an wollte ich schauen, was passiert, zwei Knöppe gleichzeitig zu drücken. Funktionierte. Beide blieben drinnen, nur so wirklich Sinn machte es nicht, denn es kam kein Fernsehbild.
Die Einstellungen erfolgten über kleine senkrecht bedienbare Rädchen, die dem heutigen "Feintuning" entsprachen und um dieses Suchen nach verborgenen Schätzen der Unterhaltung einen unwiderstehlichen Genuss zu geben, brauchte man sehr lange, um den beweglichen Zeiger rechts neben dem Rädchen einmal von unten nach oben zu bewegen.
Gehen wir einmal davon aus, dass wir die genannten Sender jetzt alle gespeichert hatten, sprich eingestellt, mit dem Rädchen und fein eingestellt mittels millitiöser Feinmotorik. Dann konnte der Spaß beginnen. Fernseher einschalten bedeutete: Ton kam sofort, nur das Bild brauchte ein bisschen länger. Um es heute zeitlich auszudrücken: Startet einen Kaffeevollautomaten und macht zwei große Kaffee und schaltet den Automaten wieder ab. So lange brauchte damals in etwa zeitlich die Bildröhre, bis ein Bild erkennbar war, und das in schwarz-weiß.
Heutige Geräte, ich meine damit die Modernen, die so flach sind, dass ein Gemälderahmen dicker erscheint, brauchen ähnlich lange, bis sie bedient werden können. Einschalten erfolgt, wenn man Strom sparen will, über eine schaltbare Steckdose, dann muss der Fernseher mittels Fernbedienung eingeschaltet werden. Das funktioniert, meist, beim ersten Mal. Nachfolgend das Logo des Fernsehherstellers und dann kommt Bild und Ton. Aber, aus einen mir nicht erfindlichen Grund, kann das Gerät noch nicht weiter bedient werden. Ich denke mir immer, 'gut, muss wohl erst warmlaufen' um dann daran zu denken, nein, du bist nicht mehr in den 1980ern sondern in den 2020ern. Da werden im Fernseher, ähnlich wie beim Computer, Programme gestartet, die du jedoch selten bis gar nicht brauchst. Nach den zwei Tassen Kaffee aus dem Kaffeevollautomaten kannst du, wenn du Glück hast, schon mal die Lautstärke regeln oder das Programm wechseln.
Ich beschrieb ja gerade die einfache Bedienung eines guten alten Fernsehers mit Bildröhre, der zwar das halbe Zimmer einnahm, jedoch selbsterklärend war. Heute gibt es eine Bedienungsanleitung zum Fernsehgerät dazu, die auf Din A5 oder A6 gedruckt in deiner Sprache 50 bis 100 Seiten in kleiner Schriftart umfasst und wirklich alles behandelt, was du selbst nie gebrauchen wirst. Mal ehrlich, heutige Geräte umfassen so viel Schnickschnack, den keiner braucht oder bekommt. 4K-Fernsehempfang. Er ist möglich, jedoch noch nicht erhältlich. Ist er irgendwann erhältlich, kannst du schon eine 100K-Fernseher kaufen.
Und nun zum spannenden Teil der Programmierung. Während früher alles über sechs Knöppe und Drehregler lief, eröffnet sich dir heute ein Menü, welches befremdlich ist und auch so bleibt, egal wie oft du es bereits geöffnet hast. Schön sind in Bedienungsanleitungen, wenn dann vorhanden, die Verweise, 'wie Sie dies und das machen, finden Sie auf Seite sowieso'. Dann blätterst du zur Seite sowieso und wirst darauf hingewiesen, dass du erst weitermachen kannst, wenn du die Schritte der vorhergehenden Seite erledigt hast.
Manchmal frage ich mich, ob ich vielleicht einfach hätte ein Programmierdiplom machen sollen und selbst da noch zu doof wäre, einen Fernseher zu programmieren. Aber gut, irgendwann kommst du zu dem Punkt: Sendersuchlauf. Dort die Auswahl: 'Alle' oder 'nur frei Empfangbare'. Ich nehme gerne letzteres und stelle erstaunt fest, dass in dieser Situation Sender gesucht und angeboten werden, die "nicht frei empfangbar" sind. Warum erschließt sich mir nicht. Warum so kompliziert. Früher gab es eine Liste mit Sendern, deren Frequenzen, die du über die Fernbedienung eingegeben hast und frei nach Nase auf deinen Lieblingsprogrammplatz legen konntest. Heute, ein Wirrwarr aller erster Güte. Nach dem Programmsuchlauf, dem Automatischen (manuell wird kaum noch angeboten) fängst du an, Sender zu sortieren und zu löschen, wobei höllisch aufgepasst werden muss, dass du nicht versehentlich den Sender löscht, den du gerade haben wolltest. Zur Not startest du noch einmal mit dem automatischen Sendersuchlauf oder setzt das Gerät auf Werkseinstellungen zurück.
Dann gibt es, so auch bei meinem Ultra-HD-4K-Fernseher eine Aufnahmefunktion, sprich irgendwie ne Festplatte drinnen, die dann, wie damals ein VHS-Videorekorder Sendungen aufzeichnen kann, die ich mir dann irgendwann ansehen kann. Ist vorhanden, in Deutschland jedoch nicht verfügbar. Ich könnte meinem Fernseher jetzt sagen, ich bin in Schweden angemeldet, schaue deutsche TV-Sender und würde mich durch das schwedische Menü friemeln um zu merken, dass es nicht funktioniert, da die Standorterkennung zwar auf Schweden steht, der Strom jedoch aus einer deutschen Steckdose kommt.
Eben sprach ich ein Gerät an, was heute Jugendliche wahrscheinlich nur noch aus einem Technikmuseum kennen: Der VHS-Videorekorder.
Früher hatten die Menschen, noch ganz ohne Youtube, Internet und anderen Gedönst, die Möglichkeit, Fernsehsendungen auf Magnetbändern aufzuzeichnen, um sich diese zu einem späteren Zeitpunkt anzuschauen oder sich Filme auf Videokassetten zu kaufen oder auszuleihen, wobei beim letzteren immer die Bitte stand, 'vor der Rückgabe bitte zurückspulen'. Funktionierte später bei DVDs ähnlich gut 'Bitte vor Rückgabe die DVD zurückspulen'. Die Programmierung des Gerätes war übersichtlich und das programmierte Aufnehmen von Sendungen ebenfalls. Du schautest in die Fernsehzeitung, wusstest: Gut, der Film kommt am 25.08.1996, startet 20:15 und endet um 22:20. So programmiertest du auch: Datum, Startzeit, Endzeit, Programmplatz wählen. Für Serien gab es dann den Zusatz 'täglich, wöchentlich, monatlich'. Mehr musstest du zur Programmierung nicht wissen.
Modernere Geräte hatten Showview, eine Ziffernfolge, aus der ich bis heute nicht schlau geworden bin. Ein wirres Zahlenspiel, aber dein Videorekorder wusste genau, von wann bis wann und den Tag. Du musstest ihm nur noch sagen, welches Programm. Ich hätte Showview einfacher gestaltet, aus Jahr, Start- und Endzeit, eine etwa immer 16-stellige Zahlenkombination, die einfach zu erlernen wäre. Eine für mich ersichtliche Showviewzahl wäre für die, im Absatz zuvor genannte Zeit: 1996082520152220, für bessere Lesbarkeit in Viererblöcken: 1996 0825 2015 2022. Übersichtlich für jeden einfachst erlernbar, aber was weiß ich schon, wenn für die selbe zeit eine 12364557445 stehen kann.
Was mir heute auffällt ist, dass es zu vielen technischen Geräten, wenn überhaupt, nur noch einen Beipackzettel gibt, wo der Inhalt des Lieferkartons aufgelistet ist.
1xFernseher
1xNetzkabel
1xFernbedienung (Batterien nicht enthalten)
Das wars. Und auf jenem Zettel steht dann eine Internetadresse, wo die Bedienungsanleitung heruntergeladen werden kann. Klar, der Umwelt zuliebe machen wir, die jüngere Generation, das gerne mit. Aber was ist mit der 80-jährigen Dame ohne Internet oder Computer. Und dann vielleicht noch ohne Kinder, Enkel oder Urenkel. Okay, mache lebensältere Menschen haben auch einen PC, der jedoch in diesem Augenblick mal nicht direkt neben dem neu erworbenen Fernsehgerät steht. Da gibt es zwei Möglichkeiten. Man ist zu zweit, einer am PC, der andere am Fernseher oder wir drucken uns die Bedienungsanleitung ganz einfach aus.
Ohne Touchscreen scheint heute alles nur noch alt und nostalgisch, nicht mehr hipp zu sein. Ich nehme mal das Einfachste auf der Welt: Das Autoradio.
Mein erstes Autoradio war ein einfaches von einer Firma, deren Namen ich nicht nenne, es hatte aber einen blauen Punkt.
Fünf Speicherplätze für Radiosender, einen Menüknopf, einen für Audioeinstellungen und einen "Traffic"-Knopf. Letzterer war gar nicht mal so verkehrt. Die Programmierung: popeleinfach. Sender suchen, wurde der Sender gefunden lange auf eine der fünf Sendertasten drücken, warten bis ein Bestätigungpiep kam, fertig. Die Traffic-Taste hatte zwei Funktionen. 1. Das einschalten des Verkehrsfunks und das Stummschalten jenes Verkehrsfunks, wenn man ihn vergessen hatte rauszunehmen. Das benannte Autoradio verfügte nebenher noch über ein Kassettendeck, welches eine Seite abspielte und über einen schnellen Vorlauf verfügte. Und wenn hier der Verkehrsfunkt reinposaunte in die Wiedergabe der Kassette, so stoppte für diesen Moment der Verkehrsinformation das Band und lief an der Stelle weiter, sobald der Verkehrsfunk endete. Einfache Bedienung ebenfalls selbsterklärend.
Heutige Autoradios können mehr als nur Radio abspielen. Kassette gibt es lange nicht mehr, dafür geht CD, DVD, USB, Speicherkarten und Bluetooth. Ähnlich wie beim Fernseher heute, wird das Radio gestartet, jedoch kommt dann erst einmal ein lästiger Bildschirm mit der englischen Information, während der Fahrt doch keine Filme zu schauen oder Fotos anzusehen, was ablenkt und zu Unfällen führt. Lästig deshalb, weil du diesen Bildschirm nicht abgeschaltet oder übersprungen bekommst. Und noch schöner, du startest das Auto, noch nicht den Motor. Das Radio startet eben mit diesem Bildschirm und nach dem Starten des Motors wiederholt sich diese Prozedere. Während oben beschreiben früher Funktionstasten auch im Blindflug gefunden wurden, muss heute alles über Touchscreen und komplizierte Menüführung gehen.
Mal angenommen, ich fahre eine längere Strecke durch Deutschland, möchte mich nicht vom Radio bedudeln lassen, aber dennoch über den Verkehr informiert werden. Keine schlechte Idee, gerade, wenn man über die A7 düst und weiß, da kommt früher oder später etwas. Nun suchst du den Menüpunkt "Traffic", hast ihn nach gefühlten 45 Minuten Suchens gefunden und es funktioniert. Nun zurück in heimischen Gebieten, wo der Verkehrsfunk ein Beiwerk ist, welches du nicht brauchst. Du vergisst diesen zu deaktivieren, hörst deine Lieblingsklassik von Beethoven, die 9. und mitten drinnen, im Höhepunkt 'Und nun zum Verkehr'. Aus der Entspannung beim Fahren durch Beethovens 9. wird nun nix mehr. Einen einfachen Schalter, so wie damals, gibt es nicht mehr, stattdessen erscheint im 7-Zoll-Monitors deines modernen Autoradios ein kleines X, natürlich an wechselnden Stellen, welches sich am Bildschirmrand befindet, wo du nur mit einem beherzten Klopfen mit Fingernägeln hinkommst, um den Verkehrsfunk zu deaktivieren. Klappt meist erst beim dritten oder vieren antippen, welches schon energischer wird, weil du weißt, heutzutage stoppen Autoradios die Wiedergabe nicht mehr, sie läuft lustig munter weiter und nach den 10-minütigen Tippen zum Entfernen des Verkehrsfunks bist du bereits drei Titel weiter in deiner Playlist, der entspannende Beethoven wurde durch Rockröhre Bonnie Tylor abgelöst und, wie auch immer sie da hinkommen, sind noch Aufnahmen von Heino aus der Versenkung vorgekommen.
Und zu guter letzt schwörst du dir, du nimmst, bis zur nächsten größeren Ausflugsfahrt den Verkehrsfunk raus, aber unter welchem Menüpunkt war dieser gleich zu finden. Und während du verzweifelt drei Stunden diesen Menüpunkt suchst, dröhnt dir sechsmal regulär und eine Falschfahrermeldung der Verkehrsfunk entgegen und du suchst das X, welches ihn unterbricht.
Auch schön: Sobald einmal die Batterie abgeklemmt wurde, hast du gleich noch mehr Spaß: Du darfst, neben deinem Sicherheitscode, den du irgendwo stehen hast, alles neu einstellen. Bei meinem Radio mit dem blau leuchtendem Punkt, und das ist jetzt 24 Jahre alt, bleiben alle Einstellungen bestehen.
Und das war ein kleiner Ausflug in die Welt der Technik, die uns vieles einfacher, jedoch aus meiner Sicht noch komplizierter macht. Mein Rat an alle, die sich neue Technik anschaffen wollen: Gebt eure Hobbies auf, Einstellungen sind euer neues Hobby und werden viel Zeit in Anspruch nehmen. Sucht euch währenddessen auch keinen neuen Partner/neue Partnerin, ihr braucht die Zeit zum Einstellen und Programmieren. Oder macht es noch anders: Lasst einen Fachmann kommen. Der kostet vielleicht 25 Euro, macht euch das in 20 Minuten fertig. Rechnet mal mit einem Stundenlohn, den eine Firma berechnen würde (40 Euro) und die 6 Stunden, die ihr dran sitzt. Dann sind mal eben 240 Euro verbraucht, meist mehr, als das Gerät selbst gekostet hat und ihr habt einen Arbeitsplatz des Fernsehtechnikers gesichert.
Oder lest zur Abwechslung ein Buch, funktioniert auch ohne Strom, geht in die Natur, solange sie noch da ist, man weiß ja nie, was in drei oder vier Jahren ist, macht einfach etwas außerhalb der digitalen und medialen Welt, so wie ich jetzt auch. Ich klicke gleich nur noch auf "Absenden" und mache meine Wunderkiste Computer aus, Wunderkiste deshalb, weil es manchmal ein Wunder ist, wenn er gleich beim ersten Einschalten hochfährt. Manchmal braucht der Computer drei oder vier Anläufe. Zu überbieten sind sieben, da half auch kein Streicheln oder gut zureden. Also macht es wie ich und genießt einfach den Tag in der analogen Welt.