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Viel zu selten

Verfasst: 26.07.2023, 09:43
von Maik Thomaß

Viel zu selten

Es ist ein Montagmorgen im Sommer. Der Wecker klingelte mich aus dem Bett. Noch ist es dunkel, doch am Horizont erwacht so langsam der Tag. Für viele ist der Montag der schrecklichste Tag: Beginn der Arbeitswoche und der Freitag ist noch so weit. Für mich ist der Montag der schönere Tag, denn, der Freitag ist nicht mehr weit. So starte ich beschwingt in den Tag und nach einer Tasse Kaffee steige ich aufs Fahrrad.

Mittlerweile ist die Sonne schon aufgegangen, kein Wölkchen bedeckt den Himmel. Ein Hauch von Wärme umströmt mich. Über den Feldern liegen flache Nebelfelder. Vorbei an Sonnenblumen, die ihre Blüten Richtung Sonne strecken. Und ich, ich habe die Sonne im Rücken. Ein ruhiger Montag, denke ich mir, keine Menschenseele weit und breit, kein Auto, welches mich riskant überholt, keine Kinder, die zur Schule müssen. Ein ruhiger Sommermorgen und ein ruhiger Montag haben begonnen.

So fahre ich durch die erfrischende Sommerluft getrieben von der Neugier, was der heutige Tag so bringen wird. Montage sind ja irgendwie immer die Tage, wo die meisten Menschen frustriert auf die neue Woche schauen und sich nach einem viel zu kurzem Wochenende zurücksehnen. Dies bekomme ich immer wieder zu spüren, diesen Frust, diesen Unmut, aber was kann ich für die Wahl der Wochentage? Nichts. Ich habe den Kalender nicht erfunden und gesagt, Sonnabend und Sonntag müssen die schönsten und entspanntesten Tage der Woche sein.

So fahre ich weiter, bis ich mein erstes Etappenziel an diesem Sommermorgen erreicht habe. Und da steht es. Das Koloss - zweieinhalb Meter breit und hoch und achtzehn Meter lang. Wie ein Riese steht es vor mir und lässt mich mit meinem Fahrrad sehr winzig aussehen. Und dieses, ich nenne es mal liebevoll Monster, wird im Laufe des Tages viele Menschen verspeisen und wieder freigeben. Aber bevor es losgeht, bringe ich mein Fahrrad weg und gehe in die Leitstelle, denn die wird mir meinen heutigen Plan vorgeben.

In der Leitstelle treffe ich Kollegen, die, zumindest fast alle, so gut gelaunt und motiviert sind wie ich. Natürlich gibt es auch kleine Miesepeterchen, die versuchen andere Menschen mit ihren Floskeln herunterzuziehen, aber das klappt zum Glück nie. Im Gegenteil, nachdem kurz über aktuelle Politik geschnackt wurde, kam ein gewollter Themenwechsel und der Austausch über Kollegen über ihre heutigen Dienstwege und die Erlebnisse vergangener Tage. So manche schöne Geschichte ist dabei, so manche Geschichte, die ich selbst gerne einmal erleben möchte, wie das kleine Mädchen, dass ihre Eltern aus den Augen verloren hatte und wenig später wieder von ihnen in die Arme genommen werden konnte. Die ältere Dame, die sich herzlich bei meinem Kollegen bedankte, dass er ihr geholfen hat. Bei solchen Erzählungen vergesse ich gerne die Undankbarkeit und die Selbstverständlichkeit, mit der meine Arbeit hingenommen wird.

Der Kaffee ist alle und nun heißt es Abfahrtskontrolle. Eine rum um die achtzehn Meter, schauen, ob alles so einigermaßen funktioniert, Licht, Türen, Technik und natürlich, ob noch genügend Luftdruck auf den Rädern ist. 25 Jahre ist die "alte Lady" mittlerweile auf Achse, hat viele Millionen Menschen aufgenommen und eben so viele wieder herausgelassen. Keiner ging verloren oder verschwand im Nirwana. 25 Jahre, natürlich mit den kleinen Macken, die so im Laufe der Zeit dazukommen, Macken, an die ich mich schon gewöhnt habe. Da gibt es mal eine Fehlermeldung hier, eine klemmende Tür da und das bekannte und vertraute Klappern und Quietschen und der unverwechselbare Ton des Motors, der wie Musik in meinen Ohren klingt.

Abfahrtkontrolle beendet. Alles funktioniert, jedes noch so kleine Lämpchen leuchtet oder blinkt und schon kann es losgehen, na gut, noch nicht gleich, erst einmal brauchen wir Druck. Also Motor starten und noch ein paar Minuten warten. Während ich so warte, schaue ich mir meinen heutigen Plan an. Quer durch die Stadt auf der längsten Tour mit einem sehr gemischten Publikum, von jung bis alt. Viele meiner Kollegen hassen diese Tour, besonders wegen dem Verkehr und manchmal auch wegen der Menschen. Aber das macht mir mittlerweile nichts mehr aus. In den vergangenen Jahren habe ich mich an all das gewöhnt, den Trubel, die Launen der Menschen und die "Verrückten", die hier so unterwegs sind. Meinen Ausgleich finde ich auf dem Weg nach Hause und zuhause: abstrampeln und in einer ländlichen Gegend wohnen, fernab jeder Hektik.

Jetzt beginnt der Ernst des Lebens. Ich nehme platz, schaue nochmal, ob alle Spiegel richtig eingestellt sind, gebe Linie und Route ein und ein mittlerweile sehr vertrauter Signalton sagt mir, dass alles bereit ist. Das klackern der sich einstellenden Fahrkartenentwerter, Handbremse lösen und los geht es. Noch fünf Minuten bis Abfahrt und ich rolle langsam vom Hof rüber zum Bahnhof mit seinen seit Erbauung mit quadratischen Betonplatten gepflasterten Bussteigen und den alten Betonwartehäuschen mit den blaugelben Kacheln, auf denen sich so mancher Wartender mit wasserfesten Stiften verewigt hat. Einige Kollegen stehen schon an weiteren Haltestellen und haben bereits Fahrgäste aufgenommen. Ich komme um die Ecke und sehe, wie die Leute, gepeinigt vom frühen Morgen langsam trabend auf mich zukommen.

Während viele Fahrgäste die hinteren Türen benutzen gibt es diejenigen, die mit verzogener Mine vorne einsteigen. Kaum einer bekommt ein "guten Morgen" über die Lippen, einige wollen Fahrkarten und murmeln so vor sich hin, welchen Fahrschein sie gerne wollen. Früh klingt "einen normalen Fahrschein" wie "ich wollt' ich wär ein Stein". Zumindest beschwert sich keiner über das herausgegebene Wechselgeld. Wer aber zu mürrisch ist, bekommt ganz viel Kleingeld, da bin ich eigen.

Noch zwei Minuten bis zur Abfahrt. Hektisch kommen zwei Nachzügler angelaufen und kommen, mit einem Hechtsprung und vollkommen aus der Puste, in den Bus gesprungen, setzen sich und ringen noch immer nach Luft. Los geht es. Vorbei an meinen Kollegen, die etwas später losfahren, ein kurzer Wink und schon geht es auf Tour. Gleich die erste Hürde. Ein fast schon steiler Anstieg. Gaspedal komplett durchgetreten aber die fünfundzwanzigjährige Lady schafft es mit Bravur. Einzig das automatische Wechseln der Gänge zeigt, dass der Anstieg doch höher war. Entspannt geht es über den Busbahnhof und die Bahngleise in eines der ältesten Stadtteile. Früh morgens ist hier noch nicht viel los. Kaum Verkehr auf den Straßen, so manche Haltestelle kann ich, ohne zu stoppen hinter mir lassen. Die erste Fahrt ist meist die Entspannteste und Pünklichste. Es geht vorbei an Plattenbauten über Fernstraßen, durch Alleen bis ich am ersten Etappenziel angekommen bin. Hier steigen die letzten noch verbliebenen Fahrgäste aus. Kurze Pause.

Zeit einmal auszutreten, die frische Sommerluft zu spüren und zu merken, dass der Tag noch heißer wird. Nach einem Schluck Kaffee geht es schon wieder auf die Rücktour. Hinter mir klappern wieder die Fahrkartenentwerter und die wartenden Fahrgäste an der Haltestelle zeigen mir, dass das Fahrziel auch stimmt. Wieder steigen die Menschen hinten ein, bis auf zwei. Sie scheinen eine längere Reise hinter sich zu haben und nicht von hier zu kommen. Mit ihren Koffern in den Händen steigen sie bei mir vorne ein und fragen mich, wie sie wohl ans Meer kommen. Ich zeige ihnen verschiedene Möglichkeiten auf, auch bei mir wäre das möglich, jedoch mit mehr Umsteigen, statt der komfortableren Alternative mit der S-Bahn. Aber um zu dieser zu gelangen, müssten sie wieder zurück in den Bahnhof, trepprauf und trepprunter. So entscheiden sie sich, mit mir zu fahren und irgendwo umzusteigen, wo sie dann ihren langersehnten Urlaub ein Stück näher kommen.

Ein bisschen Neid überkommt mich in diesem Moment. Urlaub, so lange schon her, so lange noch hin. Aber irgendwann habe ich mir eingestanden und gesagt. Ich arbeite dort, wo andere Urlaub machen und der Weg zum Meer, wo andere eine halbe Weltreise machen müssen, ist für mich so nah und schnell erreichbar. Mit diesem Gedanken mache ich mich auf den Weg. Aber ich komme nur zehn Meter weit. Vor kurzem wurde hier eine neue automatische Schrankenanlage installiert. Sie soll verhindern, dass unberechtigt keiner mehr auf das Betriebsgelände kommt. Klappt, habe ich mir gedacht, nur Betriebsangehörtige kommen auch nicht runter. Ich rufe bei der Leitstelle an, die mir aus der Ferne die Schranke öffnet. Auf meinem Display sehe ich, dass ich bereits fünf Minuten hinter meiner Zeit liege. Mancher würde jetzt sagen, "fahr doch etwas schneller", aber mal eben mit achtzehn Metern ein Zeitaufholrennen zu starten, ist fast unmöglich. Nicht nur das, da war noch was mit Ampeln, die in solchen Momenten auch immer rot anzeigen. So auch diese, die erste Ampel auf meiner Rücktour.

So stehe ich und warte auf grün, sehe, wie der morgendliche Berufsverkehr langsam einsetzt. Ich beobachte die Autofahrer, die auf der zweispurigen Straße fast ein Wettrennen hinlegen, wer wohl als erster die nächste rote Ampel erreicht. Gelb, grün. Auf meiner Anzeige stehen mittlerweile sechs Minuten Verspätung. So fahre ich los, werde überholt von Autofahrern, die, so macht es mir den Anschein, auf dem letzten Drücker von zuhause zur Arbeit losgefahren sind. Mit der nächsten Haltestelle stehen fast sieben Minuten Verspätung auf der Uhr. Mürrisch steigen die Menschen ein, einige lassen einen Spruch über die Verspätung, ohne zu wissen, wodurch diese zustande kam.

Während ich so meine Rücktour fahre, hole ich die eine und andere Minute Verspätung wieder raus, nur noch vier Minuten Verspätung. In den Gesichtern der Fahrgäste sehe ich, dass es ihnen egal ist, ob ich bemüht bin meinen Zeitplan einzuhalten oder nicht, Hauptsache irgendwie und irgendwann ans Ziel.

So geht es weitere drei Runden weiter. Der Berufsverkehr ist vorbei, langsam entspannt sich der Verkehr auf den Straßen und die Spätvormittagssonne heizt ordentlich ein. Mittlerweile habe ich alle Fenster und Luken geöffnet und an den Endpunkten lasse ich den manchmal sehr durchdringlichen Geruch einiger Zeitgenossen durch das öffnen sämtlicher Türen hinaus in die freie Natur. Zeit für einen Kaffee habe ich noch. Zehn Minuten Pause und ich fahre wieder dort los, wo ich bereits am frühen Morgen in der noch erfrischenden Sommerluft gestartet bin. In diesen Momenten der kurzen Entspannung erinnere ich mich an meine Jugend, als ich genau dort auf den Bussteigen mit Betonplatten auf den Bus wartete. Ich schaute immer hinüber zum Depot, sah die vielen Busse und dachte mir, irgendwann willst du auch mal so etwas bewegen. Und wie heute andere Fahrgäste stieg ich ein, meist vorne, früh war die Welt noch etwas ruhiger und, was ich heute vermisse: Damals wurde der Busfahrer sogar noch begrüßt. Aber das ist jetzt auch schon zwanzig Jahr her und diesen Bus, den ich heute selber lenke, den hatte ich schon damals liebgewonnen.

Genug der Schwelgerei ich muss los. Die Fahrgäste warten und wollen, möglichst pünktlich zum Ziel. Meine letzte Runde für heute startet. Pünktlich geht es zum Busbahnhof. Reisende von der S-Bahn kommen noch schnell angelaufen. Seit eh und je hat sich daran nichts geändert. Während die S-Bahn einfährt, steht bei mir und meinen Kollegen "noch eine Minute bis zur Abfahrt". Das interessiert aber die S-Bahn aber nicht. Die Fahrgäste aus der S-Bahn müssen dann noch umständlicherweise einmal Treppen runter, ein Stück durch einen Tunnel und wieder Treppen rauf. Dann quer über den Busbahnhof zu einer der fünf Buslinien. Und natürlich stehe ich ganz hinten. Vollkommen aus der Puste kommen die letzten Fahrgäste an, steigen gleich vorne bei mir ein, bekommen kaum ein Wort raus. Eine Minute Verspätung und los geht es. Meine Kollegen, gleiche Abfahrtszeit, sind schon längst unterwegs. Ich fahre los, eine enge Kurve rechts, gleich wieder links, rechts und den Berg hinauf, hinüber über den Busbahnhof und die Bahnstrecke in den ältesten Stadtteil der Stadt.

Für mich heißt es jetzt wieder volle Konzentration. Erste Ampel links, dahinter gleich die Haltestelle. Bevor ich aber die Ampel erreiche, ich in der linken Spur, überholt mich ein Autofahrer und schert kurz vor mir ein. Ich lege eine Vollbremsung hin, die Fahrgäste, keinem ist was passiert, meckern was das Zeug hält. Nicht über den Autofahrer, der einen Zusammenstoß heraufbeschwört hat, nein, über meine "unmögliche" Fahrweise. So etwas erlebe ich jeden Tag. Autofahrer, die kurz vorher einscheren, enge Straßen mit Falschparkern, Passanten, die ohne auf den Verkehr achten, über die Straße gehen. Anfangs hatte ich meine Probleme, saß am Steuer und fluchte laut. Ich wusste, der "Gegner" konnte mich nicht hören, aber es verschaffte mir Luft. Mit den Jahren gehe ich gelassener an solche Situationen und bin froh, wenn niemand zu Schaden kommt. Einzig das Meckern der Fahrgäste über "meine Fahrweise" ist geblieben und hat sich im Laufe der Jahre verschlimmert.

Letzte Tour. Mittlerweile ist das Schrankenproblem gelöst, okay, gelöst nicht ganz: Die Schranke bleibt offen. Noch einmal das Klackern der Fahrkartenentwerter und Fahrgäste, die sichtlich gezeichnet nur noch nach Hause wollen. Zumindest hat sich im Laufe des Tages das Ausspracheverhalten gebessert. "Einen normalen Fahrschein" kann jetzt jeder verstehen und für genervte Fahrgäste, denen der Fahrscheinverkauf manchmal etwas zu lange dauert, habe ich immer noch das passende Kleingeld parat. Ab geht es. Noch fünfundvierzig Minuten und der Feierabend wartet auf mich. Dank der dauerhaft geöffneten Schranke komme ich pünktlich los und irgendwie scheinen es auch die Ampeln gut mit mir zu meinen. Grüne Welle. Noch einmal die Brücke hinauf, einen steilen Berg mit enger Kurve runter und der Busbahnhof ist erreicht. Nun nur noch die Türen freigeben und alle Fahrgäste aussteigen lassen.

Ich beobachte die Leute beim aussteigen durch den Innenspiegel. Eine lebensältere Dame, sie mag um die siebzig sein, kommt von ganz hinten nach vorne gelaufen. Ihr Gesicht gezeichnet durch Falten, eine Brille kleidet ihr Gesicht. Die Haare weißgrau zeugen von viel erlebten. Mit leicht zittriger Stimme fängt sie an mit zu erzählen, dass auch sie einst eine Busfahrerin war und jene Strecke, die ich heute gefahren bin, hunderte Male hin- und her gefahren ist, zu einer Zeit, als hier noch alles im Aufbau war, als die ersten Wohnhäuser entstanden und der Busbahnhof noch im Bau war, als die S-Bahn noch von Diesellokomotiven gezogen wurde, wo die Menschen diese Arbeit noch nicht als selbstverständlich ansahen.

Ihre Worte gaben mir zu denken, beschäftigten mich auf meinem Weg nach Hause und besonders Eines, was sie sagte, rettet meinen Tag, der von mancher gefährlichen Situation und mürrischen Menschen geprägt war, etwas was in dieser Zeit viel zu selten gesagt wird: "Danke".